Meine Müssen-Diät – von Sinn und Unsinn des Zwangs

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Müssen-Diät

“Ich muss diese Arbeit bis heute Abend fertig machen.”
“Das Programm muss ich drauf haben.“
“Ich muss jetzt sofort was essen.”
“Wir müssen mal reden.“

Müssen wir? Geht es nicht eigentlich um etwas anderes?
Das Wort “müssen“ erfüllt in unserem Denken und Sprechen viele Funktionen. Oft meinen wir “sollen“, “können“, “möchten“ oder auch eine sachliche Umschreibung für die gegebenen Umstände.

Des Müssens Sinn

Seit einiger Zeit fällt mir auf, wie oft ich dieses Wort verwende – und nicht nur ich. Auch bei Klientinnen und Klienten, im Freundeskreis, der Familie sowie bei Menschen, die mir im Alltag begegnen, begann das Wort, immer lauter in mir nachzuklingen. Mir wurde bewusst, dass es in vielen Fällen nicht die passende Formulierung ist, sondern in einer Art universeller Stellvertreter-Funktion für alle möglichen Arten von Dingen steht, die wir zu tun gedenken und zu denen wir uns ermahnen möchten. Die positive Absicht, der Sinn des Wortes, scheint es also zu sein, uns zu etwas zu bringen, was wir als wichtig erachten.

Sprache prägt unser Denken

Wenn wir genauer hinschauen, können wir jedoch entlarven, was dahintersteckt. Und vor allem: welche negative Kraft dieses Wort haben kann. Wir bringen unser Denken durch Sprache zum Ausdruck, Sprache prägt aber auch unser Denken. Daher kann das Wort “müssen“ nicht nur eine Notwendigkeit beschreiben, sondern auch Druck in uns erzeugen. Das heißt: Das häufige „müssen“ hat in meinen Augen weit stärkere Auswirkungen als andere sprachliche Eigenheiten wie beispielsweise die übermäßige Verwendung von Füllwörtern wie eigentlich, sozusagen, irgendwie.

Druck erzeugt Gegendruck

Ich bin der Ansicht, dass dieses physikalische Gesetz von Druck und Gegendruck auch auf mentale Prozesse, Gedanken und Gefühle, die in uns liegen, zutrifft. Demzufolge verursacht ein “Müssen“ immer auch eine Gegenreaktion, eine Abwehr auf den Druck. Wir rufen also unseren inneren Widerstand selbst auf den Plan. So gesehen, ist einem Ich-Muss-Gedanken der Selbst-Boykott immanent. Was erklären könnte, warum so viele MÜSSENs oft keinerlei Wirkung zeigen – denn sie bringen uns weniger unseren Zielen, als vielmehr unserem Widerstand näher.

Abschied vom Müssen

So kam ich auf die Idee, Abschied vom Müssen zu nehmen. Denn was müssen wir im Leben? Wir werden geboren, wir sterben, dazwischen liegt ein Zeitraum von unbekannter Länge, den wir füllen – können, aber auch nicht müssen. Wir tun es, freiwillig.

Um das Müssen besser zu durchschauen beziehungsweise zu demaskieren, lassen Sie uns ein paar Beispiele aufgreifen:
“Ich muss den Job wechseln.“
Klar, da stimmen wir zu, wenn der beste Freund, die beste Freundin uns in einer langen Nacht zum x-ten Mal sein/ihr Leid über den launischen Chef oder die fordernde Chefin und das übermäßige Arbeitspensum klagt.

Was sagt der Satz eigentlich aus?
Ich bin unzufrieden in meinem Job, daher wäre es gut, mir etwas Neues zu suchen.
Oder: Ich möchte etwas Neues beginnen.
Oder: Es ist sinnvoll und wichtig, mir eine neue Arbeit zu suchen.
Es würde mir gut tun, einen Arbeitgeber zu finden, bei dem ich zufriedener bin.

Nun können Sie einwenden, was das ändern soll – das Problem bleibt doch bestehen.
Ja, auf den ersten Blick stimmt das. Aber ich meine: Die alternative Ausdrucksweise nimmt den Druck und erhöht die Freiwilligkeit. Sie gibt uns das Gefühl, eine Wahl zu haben. Das Müssen nimmt jede Wahl.

Self-Empowerment

Insofern sind die alternativen Formulierungen eine positive Anregung für mich, in Richtung Self-Empowerment, Selbstermächtigung. Damit kann ich viel besser die Kraft und Motivation entwickeln, mich um meine berufliche Zukunft zu kümmern, als wenn ich mir, neben dem Stress, den ich auf der Arbeit empfinde, auch noch zusätzlich Druck mache.

Ein weiteres Beispiel: “Ich muss diese Arbeit bis heute Abend fertig machen.”
Klingt logisch, bedeutet anders ausgedrückt: Morgen ist Abgabetermin, daher möchte ich heute alles fertig haben. Oder: Daher ist es mir wichtig, heute meinen Teil zu beenden.

Was in beiden Alternativen mitschwingt, ist meine Entscheidung. Im Vordergrund steht also wieder meine eigene Wahlmöglichkeit: Wenn wir uns als Opfer der Umstände – Zeitdruck, Stress, Vorgesetzte, Kollegen etc. – betrachten, führt uns das weg von unserer eigenen Verantwortung und unseren Gestaltungsmöglichkeiten. Aber genau diese lassen uns erst die Energie entwickeln, für unsere Anliegen, Vorstellungen und Ziele loszugehen.

Müssen-Diät (100% freiwillig!)

Werden wir konkreter: Wie kann eine nachhaltige Müssen-Diät aussehen?
Sie verzichten auf verbalisierten Zwang!
Es ist ein entscheidender Unterschied, ob ich etwas muss oder mich aus welchen Gründen auch immer dafür entscheide und es dann auch so ausdrücke.

Mich bewusst für oder gegen das Muss zu entscheiden, führt mich zu einer achtsamen Wahrnehmung meiner Selbst, die die eine oder andere Überraschung und Erkenntnis mit sich bringt.

Methode

Zur Umsetzung versuchen Sie es doch einmal mit folgender Übung:

1. Wahrnehmen, wenn im Denken oder Sprechen ein Muss auftaucht.
2. An welcher Stelle bemerke ich es?
3. Welches Gefühl geht damit einher?
4. Eine alternative Ausdrucksweise finden
Beispiel: “Ich muss was essen” -> “Ich habe großen Hunger, darum werde / möchte ich jetzt gleich etwas essen / darum wäre es gut / freue ich mich schon / plane ich, jetzt etwas zu essen.”
5. Wahrnehmen, was sich durch diese Art der sprachlichen Achtsamkeit verändert: Gedanken, Empfindungen & Gefühle, Körper.

Für ganz Eilige: Sie können auch erstmal mit 1. und 4. starten und Erfahrungen sammeln, bevor Sie 1.-5. anwenden.

Ich wünsche Ihnen eine erfrischend zwanglose Diät!

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Patricia am 31. Mai 2019 um 22:39 Antworten

    Spannender Beitrag über die Macht der Worte. Man macht sich im Alltag zu selten bewusst, wie sehr die Sprache das Denken formt. Und vor allem: Wie sehr das vermeintliche Müssen in Bahnen lenkt, die vielleicht gar nicht dem eigenen Wollen entsprechen.
    Beim Lesen ist mir ein Song zum Thema eingefallen. Großstadtgeflüster: “Ich muss gar nichts”.
    https://www.youtube.com/watch?v=rq0Rv84dqr8

    Danke für den Beitrag, gerne mehr davon und viele Grüße
    Patricia

  2. Maren am 26. Juni 2019 um 11:03 Antworten

    Sehr interessanter Beitrag und toll, dass es gleich eine praktikable Idee gibt, wie man die Erkenntnisse für sich selbst umsetzen kann. Bei meiner Tochter ist mir schon aufgefallen, dass sie irgendwie allergisch auf das Wort müssen reagiert und habe ich mich schon in der Umformulierung meiner Gedanken/Kommunikation probiert. Und es nützt :) das auch für mich zu tun, daran habe ich noch nicht gedacht. Danke dafür!
    Liebe Grüße, Maren

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